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Textprobe:
Kapitel 5.3.1 Schreiben und Schreiber:
Über dem Eingang zum Skriptorium des Klosters Fulda las der Besucher einen Vers, den Alkuin für ein Gedicht übernommen hatte: „Fodere quam vites melius est scribere libros“.
Konzentriert schwang der Schreiber die Feder und formte präzise jeden einzelnen Buchstaben des Werkes. Nur mit Pergament und Griffel bewaffnet, arbeitete er rastlos im Skriptorium an seinem Pult, umgeben vom Geruch der Farben, die der Maler neben ihm für die Initialen eines weiteren Werkes verwendete. Der wissbegierige Besucher durfte die Schreibstuben allerdings nicht so frei betreten, wie er sich vorstellte, immerhin lagen hier besonders kostbare Schätze der Buchkunst, die sich die Brüder zum Kopieren ausliehen (Abb. 14).
Ein Gang durch die Schreibstube des Klosters führte ihm vor Augen, dass immer mehrere Mönche an der Entstehung eines Buches beteiligt waren. Neben dem Schreiber und Maler verrichteten dort noch weitere unermüdliche Klosterbewohner ihre Aufgaben im Skriptorium, erfahrungsgemäß war hier nämlich eine strenge Arbeitsteilung erforderlich. Zur Entstehung der Texte und Glossen trugen sowohl der Vorsteher der Schreibstube, als auch die Abschreiber, die Korrektoren, und die Mönche bei, die mit Geschick ihre Miniaturen oder Initialen malten, ebenso wie der Buchbinder. Unter Abt Salomons III. Leitung ergänzten sich auf diese Weise der Künstler Tuotilo und der Schreiber Sintram hervorragend. Im Skriptorium kopierte der eine mühevoll den Text, während sich der andere über seine Elfenbeintafel beugte und behutsam die Bilder in das empfindliche Material schnitzte.
Der junge Mönch und zukünftige Schreiber erfuhr sehr früh am eigenen Leibe, die asketische und mühevolle Seite des Abschreibens für die Brüder. Am Rand oder in der Schlußbemerkung vieler Werke erfuhr der Leser durch die Beschwerden der Schreiber über die starke körperliche Belastung, welche diese Arbeit mit sich brachte. Ein Schreiber beschrieb dem Leser anschaulich, dass alle Muskeln des Körpers bei der Anstrengung der Finger gespannt waren und die Konzentration nicht nachlassen durfte, da Texte revidiert, verbessert und kollationiert und kritisch durchgesehen werden mussten. Ein Mensch, der dieses kunstvolle Handwerk nicht beherrschte, vielleicht sogar verachtete, weil er nicht schreiben konnte, wurde schnell eines Besseren belehrt, wenn er sah, welche Arbeit hinter einem einfachen Buch steckte. Ein Spruch aus dem 10. Jahrhundert, mit dem ein Schreiber seine Arbeit beschrieb, lautete: Sicut aegrotus desiderat sanitatem, ita desiderat scriptor finem libri. (Wie sich der Kranke die Gesundheit ersehnt, so wünscht sich der Schreiber das Ende des Buches herbei). Aus dem 9. Jahrhundert heißt ein abschließender Satz: Ego Eadberct hunc librum non sine corporis labore depingens opitulante deo usque ad finem perduxi. (Ich führte dieses Buch nicht ohne körperliche Mühe mit Gottes Hilfe zu Ende). Qui nescit scribere non putat esse laborem (Wer nicht schreiben kann, wähnt, das sei keine Arbeit); tres enim digiti scribunt, totum corpus laborat (zwar schreiben nur drei Finger, doch der ganze Körper ist mitangestrengt.)
Auf Unverständnis traf diese Arbeit etwa bei dem neidischen Sindolf, der selbst nicht besonders gebildet war. So begab sich tagtäglich Notker in das Skriptorium, um dort ein einmaliges Buch kanonischer Briefe, zudem ein griechisches Exemplar, mühsam abzuschreiben, das ihm Bischof Liutward zur Verfügung gestellt hatte. Nun bemächtigte sich aber Sindolf in bösartigerweise unbemerkt dieses fertig kopierten Buches, schnitt die Blätterlagen heraus und zerfledderte sie. Ein herber Rückschlag für den armen Schreiber, der seine ganze Kraft und Zeit in dieses Exemplar gesetzt hat.
Dennoch schreckten diese Schilderungen zukünftige Schreiber nicht ab. In St. Gallen hatten die Mönche mit Fenstern und Wärmestube sogar verhältnismäßig gute Bedingungen zum Schreiben vorgefunden, während in anderen Klöstern die Schreiber zumeist in schlecht geheizten Stuben mit mangelnder Beleuchtung an nicht ergonomisch geformten Pulten saßen.
Aus dem Kloster St. Gallen sind einige Schreiber namentlich überliefert. Ein bekannter Name der in die Anfänge der St. Galler Buchkunst gehört, war der Schreiber und Mönch Winithar, von 761 frühester bekannter Schreiber in St. Gallen. Er gehörte neben Waldo zu den Schreibern in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts in St. Gallen. Die Initialmalerei erfasst man dort erst mit dem Rheinauer Psalter (Codex rh 34). Hier verwendete der Bruder für die Farbgebung noch die Töne minium (orange), grün und ocker. Die alten Mönche wußten noch von einigen ihrer großen Schreiber und Buchmaler zu berichten, etwa von dem Schreibmeister Hartmut, dem Iren Moengal-Marcellus und dem Alemannen Folchart, sowie Ratpert, Notker Balbulus und Tuotilo, die ebenfalls im Skriptorium für die Buchmalerei ihren Teil leisteten.
Ein Schreibmeister und Verfasser von Versen lebte noch lange Zeit nach seiner verdienstvollen Tätigkeit im Skriptorium im Gedächtnis der Mönche weiter, dies war Abt Hartmut. Sobald er das Skriptorium betrat, konnte er seine fleißigen Mönche dort sitzen sehen, die unter seiner Führung Bücher für Verwaltung, Schule und Kirche des Klosters lieferten. Eins dieser zahlreichen Werke war die achtbändige Hartmut Bibel, denn der Dekan und spätere Abt war ein sehr bibelphilologisch interessierter Mönch, der den besten Bibeltext in seinem Kloster besitzen wollte. So begab er sich mit der Alkuin-Bibel zu seinen besten Schreibern und erteilte ihnen den verdienstvollen Auftrag, zwei tadellose Bibelkorpora (zwischen 850 und 880) nach dieser Vorlage anzufertigen. Im Skriptorium wirkte bereits seit Hartmuts Vorgänger Grimald (841-872) der hoch geachtete Schreiber Folchart, der auf Geheiß Hartmuts den Folchart-Psalter, ein Herzstück der St. Galler Buchkunst, erschuf. Die Werke aus seiner Zeit zogen die Blicke der Betrachter regelrecht auf sich und ließen sie in den satten Farben aus Purpur, Grün und Blau versinken. Selbst zum Ende seiner Amtszeit konnte der alternde Abt noch einmal mit stolz auf ein weiteres außergewöhnliches Werk der St. Galler Buchkunst blicken, nämlich auf den Goldenen Psalter (Abb. 12).
In der Hand des Schreibers lag als Werkzeug ein Griffel vom Baum oder eine Feder, die ein kundiger Mönch geschickt einzusetzen wußte. Schrieb er mit der Feder, musste die Spitze zweigeteilt sein. Vor sich hatte er die rote Tinte für die Überschriften und Hervorhebungen, die schwarze Tinte war für den restlichen Text. Diese Tinte stellten die Brüder selbst nach sehr unterschiedlichen Methoden her. So beschreibt Theophylus Presbyter ein Rezept für Tinte aus Dornenholz aus dem 12. Jahrhundert. Die Rinde ließen die Brüder in einem mit Wasser gefüllten Faß stehen, bis das Wasser allen Saft aus der Rinde gebeizt hatte. Nun kochten sie das Wasser und gaben etwas Rinde dazu, bis es schwarz und dick wurde, dann goß ein Bruder ein wenig Wein hinzu und stellte die Töpfe in die Sonne, bis sich schwarze Tinte von der „rothen Hefe“ trennte, dabei wurde die reine Tinte abgegoßen und in der Sonne getrocknet. Verwertbare Tinte entstand nun durch hinzugeben von Wein und der Zugabe von Atramentium (Tinte). Manche Mönche bevorzugten Rezepte, die zur Herstellung von Tinte Galläpfel und Kupfervitriol nutzten. Einige Schreiber zeichneten sich durch ihre Prachthandschriften aus, deren Pergament in Purpur getränkt und mit Gold- und Silbertinte beschrieben wurde. Für eine Prachthandschrift betrieb der Schreiber einigen Aufwand: Nachdem er den Text mit der Tinte fertig geschrieben und das Buch mit Minium ausgezeichnet hatte, begann er mit der Silber-, Gold-, und Deckfarbenmalerei, so kolorierte er schließlich den gesamten Prachtcodex. Während ein einfaches Buch zum Abschluß auch nur einen einfachen Holzdeckel mit Lederüberzug bekam, bestückte er den Einband seines Prachtcodex hingegen reich mit Gold und Edelsteinen. Für die Überschrift glitt seine Hand präzise über das Pergament und enthüllte dem Betrachter das durchaus sehenswerte Ergebnis einer roten Capitalis rustica im St. Galler Stil. Die auszuführenden Worte hatte er zuvor mit dem Griffel auf dem Blattrand vermerkt und die Überschriften und fehlenden Teile mit einer grünlichen Goldtusche in St. Galler Minuskel ergänzt. Hierbei nahm er auch die Korrektur von zahlreichen der bereits ausgeführten Buchstaben in erheblichem Umfang vor. Ein Blick auf das gerade kopierte Buch zeigte dem Betrachter dann, dass der Schreiber die karolingische Minuskel bevorzugte.
Aber selbst den besten Schreibern unterliefen bei den langen und ausführlichen Werken, die sie täglich kopierten, Fehler. Größere Fehler behob der Schreiber mit der Rasur, dabei schabte er die Fehlerstelle mit einem Messer sorgfältig ab und glättete sie. So konnten ganze Handschriften mit uninteressanten Texten neu beschrieben und das teure Pergament wieder verwertet werden. Leider sind jedoch gerade wegen dieser Möglichkeit die Klassiker oft nur noch als solche Palimpsest-Handschriften erhalten. Wenn hervorragende Schreiber wie Notker eine Handschrift für das Kloster kopierten, achteten sie auf jeden Makel und Fehler in der Schrift, sowohl in der eigenen Kopie als auch im Original. Dieser Correctio verschrieben sich die Brüder, um die Liturgie zu verbessern und Gott nicht mit Unvollkommenheit zu beleidigen. Der gottesfürchtige Bücherschreiber sah hier eine Möglichkeit sich Gott zu offenbaren.
Ließ ihm sein erfüllter Tagesablauf Zeit, widmete sich Abt Salomon III. in der kulturellen Glanzzeit dieses Klosters den unersetzlichen Künstlern, wie Tuotilo und Sintram, und ihrer Arbeit im Skriptorium. Ein Meisterwerk dieser Zeit war das Evangelium longum. Nun soll der Besucher hier einen Blick auf die Arbeit an diesem Werk werfen. Es war das Jahr 895, als Sintram im Skriptorium mit dem Werk begann. In formvollendeter Manier zog er den Griffel über das Pergament und schrieb gleichmäßig und sorgfältig jede einzelne Minuskel dort auf. Salomon III. hatte nach Ekkehard IV. eine besondere Begabung im Schreiben, und er verstand sich wie kein anderer auf das Ausmalen der Initialen in den Handschriften, sowie in der Ausgestaltung der Kapitalbuchstaben. Am Evangelium longum war er ebenfalls maßgeblich beteiligt, er schrieb die Initialen L und C, um seine Fähigkeiten noch mal zu überprüfen
Bevor der Schreiber so geschickt die Buchstaben auf das Blatt brachte, maß er sich zuerst den Zeilenabstand zum Schreiben auf dem Pergament aus. Mit Hilfe eines Zirkels stach er am rechten und linken Rand der geöffneten Lage Löcher als Markierung ein, die er mit Lineal und Metallgriffel oder Bleirad, später mit dem Bleistift verband. Mit vertikalen Linien wurde dann der Schriftspiegel markiert. Nachdem nun Sintram sein Werk vollendet hatte, benötigte es einen gleichwertigen Einband, daher reichte Salomon III. die Elfenbeintafeln zum Schnitzen an Tuotilo weiter. Sintram war neben dem Skriptoriumsleiter und Schreiber Folchart ein namentlich bekannter Schreiber des Klosters, sein Schriftstil findet sich sehr häufig unter dem Abbatiat Salomons III. wieder. Abt Gerhard (990-1001) wurde später von Klosterchronisten beschuldigt, die Bücher der Bibliothek für seine Zwecke veruntreut zu haben, besonders die Werke Sintrams. Ein weiteres Werk der St. Galler Buchkunst ist der Züricher Psalter, der unter Wolfcoz in den dreißiger Jahren des 9. Jahrhunderts entstand, der Beginn der karolingischen Buchmalerei in St. Gallen.
Die kunstvollen Handschriften mit ihren wundervollen Initialen, erschienen auch hochrangigen und reichen Zeitgenossen als begehrte Trophäen, so suchte sich etwa Otto die prächtigsten und besten Werke aus der Bibliothek aus. In ihrer Hilflosigkeit überlegten sich dann die Schreiber, Flüche, Verwünschungen und Drohungen gegen die Bücherräuber in die Werke einzutragen, dies waren die imprecationes furis. Folchart schrieb diese Verse auf die wertvollsten Seiten in seinem Psalter:
Auferat hunc librum nullus hinc omne per aevum/ Cum Gallo partem quisquis habere velit./ Istic perdurans liber hic consistat in aevum/ Praemia patranti sint ut in arce poli.
Er drohte dem, der das Buch aus dem Kloster entwendete, ewige Strafe an und der Räuber hatte nicht mehr mit Gallus Anteil an der Seligkeit. Hartmut, der Lehrer Folcharts, schrieb ebenfalls Verwünschungen gegen Diebe und drohte sogar mit der Pest (HS 7), sowie mit Buckeln und Krätze (HS 46): auferat huic si quis, perhimatur vulnere pestis. Auch in einen eher schmucklosen Psaltertext ließ Hartmut Verwünschung gegen Diebe schreiben und eine eigenmächtige Widmung anbringen. Oft baten die Schreiber in den Schlußbemerkungen und Randnotizen den Leser aber auch nur, sie in ihre Gebete einzuschließen.
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