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Textprobe:
Kapitel 2, Motive für Emittenten und Investoren:
Wie im zweiten Kapitel bereits erwähnt hat der Markt für Inflationsanleihen in den vergangenen Jahren einen enormen Boom erlebt. Im Folgenden werden die einzelnen Motive, die für die Emission bzw. den Kauf von inflationsindexierten Anleihen sprechen, im Detail erklärt.
Motive für Emittenten:
Auf dem ersten Blick erscheint es erstaunlich, weshalb vorwiegend staatliche Emittenten verstärkt dazu neigen, inflationsindexierte Anleihen zu begeben, berauben sie sich dadurch bei nicht erwarteter steigender Inflation der Möglichkeit ihre Schulden bzw. den Rückzahlungsbetrag zu verringern. Demzufolge muss es eine Reihe von triftigen Beweggründen geben, die für eine Emission sprechen.
Nutzen für die Geldpolitik:
Durch die Ausgabe von Inflationsanleihen setzt die Regierung sich selbst unter Druck, die Inflation in Zukunft so gering wie möglich zu halten. Und gewinnt dadurch bezüglich der Maßnahmen zur Bekämpfung der Inflation an Glaubwürdigkeit. Denn einerseits besteht nun nicht mehr die Möglichkeit durch hohe Inflation Schulden abzubauen und andererseits hätte ein unerwarteter Anstieg der Inflationsrate eine Erhöhung der Zinszahlungen des Staates und damit eine größere finanzielle Belastung zur Folge. In hochentwickelten Industriestaaten mit einer unabhängigen Zentralbank, insbesondere in der Europäischen Union durch die Europäische Zentralbank, findet dieses Argument heute keine Anwendung mehr. Jedoch für Volkswirtschaften, z.B. Schwellenländern, mit hoher Inflation und enger Verknüpfung von Zentralbank und Regierung ist dieses Argument weiterhin zutreffend. Ein treffendes Beispiel aus der Vergangenheit war die enge Verbindung der Englischen Regierung mit der Bank of England in den 70er Jahren. Mithilfe der Einführung inflationsindexierter Anleihen beabsichtigte die Regierung die hohen Inflationsraten von teilweise über 10 Prozent zu senken. Die Bevölkerung und die Anleger glaubten an die Ernsthaftigkeit des Vorhabens und folglich sanken die Inflationserwartungen zusehends.
Besonders wichtig, um die Glaubwürdigkeit in die Wirtschaftspolitik nicht zu gefährden, ist die Integrität der Regierung bei der Veröffentlichung des Verbraucherpreisindizes. Denn aufgrund der asymmetrischen Informationsverteilung kommt es hier zu einem „Moral Hazard Problem“. Der Staat tritt einerseits als Schuldner auf und andererseits veröffentlicht er die Entwicklung des Verbraucherpreisindizes. Durch Manipulation des Indizes könnte er den Rückzahlungsbetrag und damit seine Schulden direkt beeinflussen. Der auf lange Sicht entstehende Schaden würde jedoch den kurzfristigen Gewinn bei weitem übersteigen.
Die Signalwirkung, künftig die Inflation ernsthaft bekämpfen zu wollen, hat auch Einfluss auf die Renditen von konventionellen Staatsanleihen. Denn die Anleger verlangen nun eine geringere Risikoprämie zur Absicherung einer unerwarteten Inflation und folglich sinkt der Zinsaufwand des Staates.
Ein weiterer Vorteil ist die Möglichkeit Inflationserwartungen aus dem Vergleich von konventionellen Staatsanleihen mit Inflationsanleihen abzuleiten.
Langfristige Kapitalaufnahme bei schwierigem wirtschaftlichen Umfeld:
Die ersten Emissionen inflationsgebundener Anleihen in früheren Jahren, vor allem in Brasilien, Argentinien und Israel, hatten vor allem den Zweck, langfristiges Kapital bei hohen und variablen Inflationsraten zu sichern. Risikoaverse Investoren fragten bei den genannten Bedingungen ausschließlich Anlageprodukte nach, die gegen eine unerwartete Inflation geschützt sind. Somit waren inflationsindexierte Anleihen in diesem Umfeld überhaupt die einzige Möglichkeit für Regierungen Fremdkapital aufzunehmen.
Erschließung neuer Investorenkreise:
Durch die Emission von Inflationsanleihen erreicht der Emittent vorwiegend institutionelle Investoren wie Versicherungen oder Pensionsfonds, deren Nachfrage nach dieser Anlageklasse zukünftig gewiss noch steigen wird. Verzichtet eine Regierung darauf, würde dies den jeweiligen Finanzplatz im
internationalen Vergleich schwächen. Auch wird durch die Erweiterung des Investorenkreises die Abhängigkeit von einzelnen Geldgebern verringert.
Kostenersparnis:
Investoren sind in der Regel risikoavers und verlangen deshalb für die Anlage in risikoreiche Geschäfte eine zusätzliche Risikoprämie, die den Nominalzins entsprechend erhöht. Dieses Prinzip lässt sich auch auf Inflationsanleihen und konventionelle Staatsanleihen übertragen. Wie in Kapitel 3.1 bereits erwähnt, setzt sich der Nominalzins einer gewöhnlichen Anleihe aus dem Realzinssatz, und der erwarteten Inflation über die Laufzeit hinweg zusammen. Dieses Modell lässt sich noch erweitern. Da die erwartete Inflation im Allgemeinen nicht exakt vorausgesagt werden kann, besteht noch ein gewisses Risiko bezüglich einer unerwarteten Inflation. Deshalb verlangt der Käufer einer konventionellen Anleihe noch eine zusätzliche Prämie, Inflationsrisikoprämie genannt, die ihn für Übernahme des Risikos einer unerwarteten Inflationssteigerung kompensiert. Vernachlässigt man die Indexierungsverzögerung und den damit nicht vollkommenen Inflationsschutz einer Inflationsanleihe und geht man zudem davon aus, dass im Durchschnitt die tatsächliche eingetretene Inflation der erwarteten Inflation entspricht, so verringern sich die Kosten der Geldaufnahme, verglichen mit einer konventionellen Anleihe, genau um diese Inflationsrisikoprämie.
In der Realität allerdings stellt sich die Messung der Inflationsrisikoprämie aufgrund mangelnder historischer Daten als äußerst schwer heraus. Dementsprechend kommt es in der Literatur zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Campbell und Shiller beispielsweise schätzten die Inflationsrisikoprämie in den 90er Jahren in den USA für eine Anleihe mit einer Laufzeit von fünf Jahren auf 0,5 bis 1,0 Prozent, Gong und Remolona hingegen auf 1,0 bis 3,0 Prozent. Doch auch eine geringe Inflationsrisikoprämie führt, solange sie noch positiv ist, zu einer enormen Kostenersparnis. Die jährliche Schuldenaufnahme in den USA betrug in den 90er Jahren ungefähr 200 Milliarden Dollar. Würden davon 10 Prozent über Inflationsanleihen aufgenommen werden, beträge die Kostenersparnis bei einer Inflationsrisikoprämie von 0,5 Prozent 100 Millionen Dollar pro Jahr. Es kann festgehalten werden, dass mit der Einführung Inflationsindexierter Anleihen die Kosten des Emittenten, bei gegebenen Voraussetzungen, erheblich gesenkt werden können. Tendenziell ist diese Ersparnis in Zeiten hoher Inflation größer als in Zeiten niedriger Inflationsraten.
Ein weiteres, aber nur scheinbares Argument für die Kostenersparnis ist die Ausnutzung eines Informationsvorsprungs einer Regierung im Vergleich zum Markt. Besitzt eine Regierung einen Informationsvorsprung bezüglich überzogener Inflationserwartungen des Marktes, so besteht die Möglichkeit, durch den geschickten Wechsel von konventionellen und inflationsindexierter Anleihen, Zinskosten zu sparen. In Phasen zu hoher Inflationserwartungen würde die Emission von Inflationsanleihen Kosten einsparen und in Zeiten zu niedriger Inflationserwartungen wäre die Ausgabe von konventionellen Anleihen vorteilhaft. Doch in der Regel besitzt eine Regierung gegenüber dem Markt keinen Informationsvorsprung bezüglich von Inflationserwartungen und folglich in dieser Hinsicht auch kein Einsparpotenzial. Des Weiteren wird dieses Argument dadurch geschwächt, dass sich die Inflationserwartungen des Marktes und die tatsächlich gemessene Inflation im Laufe der Zeit immer mehr anpassten.
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