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Textprobe:
Kapitel 3.2, Merkmale der in Deutschland lebenden Türken:
Bevölkerung:
Wie in Abschnitt 3.1.2 bereits beschrieben, stellen die in Deutschland lebenden Türken mit rund 1,76 Millionen die mit Abstand größte ausländische Bevölkerungsgruppe dar. Rechnet man die Deutschen türkischer Herkunft hinzu, steigt der reale Wert der türkischen Bevölkerung noch mal deutlich an, da im Zuge der erleichterten Einbürgerung viele türkischstämmige Bürger die deutsche Staatsbürgerschaft erworben haben. Der größere Teil der türkischen Bevölkerung in Deutschland ist männlichen Geschlechts (53%); der Frauenanteil beträgt 47%.
Altersstruktur:
Das durchschnittliche Alter der in Deutschland lebenden Türken liegt bei 34,6 Jahren.
Die größte Gruppe (22%) ist zwischen 25 und 35 Jahren, 19% sind zwischen 35 und 45 Jahre alt. Der Anteil der Personen über 65 Jahre beträgt 7% und liegt damit deutlich unter dem Seniorenanteil in der deutschen Bevölkerung (19%).
Familie und Wohnsituation:
Kernbegriff des türkischen Selbstverständnisses ist die Familie. Sie ist der Mittelpunkt türkischer Wertvorstellungen. In der familiären Hierarchie stehen die Großeltern ganz oben. Von den jüngeren Familienmitgliedern wird meistens bedingungsloser Respekt und Gehorsam gegenüber den Älteren erwartet. Das Mitspracherecht bei Entscheidungen in Familienangelegenheiten und der soziale Status steigen mit dem Alter und häufig auch mit der Anzahl der Kinder.
Die Haushaltsstruktur unterscheidet sich, zum Teil bedingt durch die Altersstruktur und unterstützt durch kulturelle Faktoren, ebenfalls deutlich von der deutschen Bevölkerung und ist relativ stabil. Türkischstämmige Migranten sind sehr viel stärker als Deutsche in familiäre Strukturen eingebunden: Sie sind zu mehr als drei Vierteln verheiratet (Deutsche nur zu 46%) und haben durchschnittlich 2,0 Kinder. Nur 6% leben in Ein-Personen-Haushalten (Deutsche zu 36%), 15% leben in Zwei-Personen-Haushalten. Im Durchschnitt leben in den türkischen Haushalten 3,8 Personen, in den deutschen Haushalten sind dies nur 2,1 Personen.
Traditionell bewegen sich Männer und Frauen, auch räumlich, in getrennten Lebenswelten. Die männlichen Familienmitglieder verbringen einen großen Teil ihrer Freizeit außerhalb des Hauses in Cafés und Vereinen. Für den Großteil der Frauen hingegen liegt der Lebensmittelpunkt innerhalb des Haushalts. Dieses "Innen-Außen-Prinzip" verdeutlicht die geschlechterspezifische Rollenverteilung. Männer sind für die Außenwelt verantwortlich. Sie kümmern sich um die Finanzen und sozialen Kontakte zur Gesellschaft. Der Mann ist traditionell das Familienoberhaupt und fällt alle wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, gesundheitlichen und religiösen Entscheidungen. Frauen sind für die Innenwelt zuständig. Ihnen obliegen Organisation und Ablauf der Haushaltsführung, Kindererziehung und familiäre Kontakte. Diese männliche Dominanz im Familienkontext der Türken ist jedoch mit zunehmender Integration rückläufig.
Einkommenssituation:
Das durchschnittliche monatliche Haushaltsnettoeinkommen der türkischen Familien ist rückläufig und liegt derzeit bei 1.783 Euro. Es ist deutlich geringer als das deutscher Haushalte, und dies bei einer fast doppelt so hohen Anzahl der Personen in den Haushalten.
Die Erwerbstätigenquote liegt bei der deutschen Bevölkerung bei 65,4%. Die der türkischen Staatsbürger wird mit 56% angegeben, sie liegt somit deutlich unter der der Deutschen, was in erster Linie auf die geringe Erwerbsbeteiligung der türkischen Frauen zurückzuführen ist, denn zwei Drittel der Frauen gehen keiner Erwerbstätigkeit nach, dagegen nur ein Drittel der Männer.
Aufgrund der ursprünglichen Rückkehrabsicht in die Türkei war das Sparen für Türken zentrales Ziel ihrer Erwerbstätigkeit in Deutschland. Durch die schrittweise Verlängerung der Aufenthaltsperspektive haben sich im Laufe der Jahre große Beträge an Spareinlagen angehäuft.
Ältere Migranten verfügen häufig über niedrige Renten, da sie meist spät in eine rentenrelevante Erwerbstätigkeit in Deutschland eintreten, auf kürzere Versicherungs- und Beitragszeiten sowie auf ein geringeres Erwerbseinkommen aus Beschäftigungsverhältnissen in wenig qualifizierten Berufen und auf eine überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit zurückblicken.
Bildungssituation und Sprache:
Die berufliche Stellung der türkischstämmigen Migranten spiegelt nach wie vor die Migrationsgeschichte und das geringe Schul- und Ausbildungsniveau der Migranten wieder. Mehr als die Hälfte (53%) der Vollzeit oder Teilzeit Erwerbstätigen arbeiten als an- und ungelernter Arbeiter, 16% sind Facharbeiter. Angestellte machen 21% aus. In allen Altersgruppen liegt der Anteil der Frauen ohne qualifizierten Schulabschluss über dem der Männer, in den älteren Gruppen deutlicher als in den jüngeren, wobei generell der Anteil der Unqualifizierten mit dem Alter deutlich zunimmt.
Die Struktur der Nichterwerbstätigen zeigt erwartungsgemäß starke Geschlechtsunterschiede: 66% der nichterwerbstätigen Frauen sind Hausfrauen, dagegen sind nur 2% Hausmänner. Frauen sind zu wesentlich geringeren Anteilen (21%) als Männer arbeitslos (46%). Auch der Anteil der Rentnerinnen (5%) ist deutlich geringer als der der Rentner (40%). Hier macht sich bemerkbar, dass es sich bei den Arbeitsmigranten der ersten Stunde, die jetzt langsam in das Rentenalter kommen, hauptsächlich um Männer handelt und Frauen durchschnittlich jünger sind.
Zentrale Voraussetzung für die Integration auf allen Ebenen sind gute Deutschkenntnisse. Ohne diese ist der Erwerb höherer Schul- und Ausbildungsabschlüsse kaum möglich und eine Einbindung in den Arbeitsmarkt zumindest erschwert. Aber nicht nur im Arbeitsleben, sondern auch im alltäglichen Zusammenleben sind Deutschkenntnisse von erheblicher Bedeutung. So steigt die Akzeptanz enorm, wenn die Möglichkeit der problemlosen sprachlichen Verständigung besteht.
Bis in die 80er Jahre und darüber hinaus wurde wegen der vermeintlich kurzen Aufenthaltsdauer und dem niedrigen Beschäftigungsniveau als ungelernte Arbeiter weder von Seiten der Migranten noch von Seiten der deutschen Bevölkerung auf den Spracherwerb Wert gelegt. Eine systematische Sprachförderung durch die Regierung fand nicht statt und das Niveau der Deutschkenntnisse blieb niedrig.
Im Zuge der Entwicklung der zweiten Generation glaubten sowohl die Migranten als auch die Mehrheitsgesellschaft, das Sprachproblem werde sich durch die Einbindung der Kinder in das deutsche Bildungssystem von selbst lösen. Doch eine gezielte Sprachschulung wurde nicht angeboten. Erst in den letzten Jahren wurde diesem Problem mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Defizitäre Sprachkenntnisse machen sich am ehesten im öffentlichen Leben bemerkbar, nämlich bei Behörden und Ämtern, am Arbeitsplatz sowie bei der Wohnungs- und Arbeitssuche. Am wenigsten Probleme ergeben sich in der Familie, dem Freundeskreis, der Nachbarschaft und beim Einkaufen. Dort bewegen sich die Migranten überwiegend in einem türkischen Umfeld, während sie in Behörden und Ämtern zwangsläufig deutsch sprechen müssen. 57% sprechen in der Freizeit überwiegend türkisch, nur 10% überwiegend deutsch und 33% beide Sprachen in etwa gleichem Ausmaß.
Religion:
Mit 97% gehört die überwiegende Mehrheit der türkischen Migranten dem muslimischen Glauben an.
Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Türken praktiziert einen toleranten Islam und achtet Andersgläubige. Unverkennbar sind jedoch Ablösungstendenzen innerhalb der türkischstämmigen Bevölkerung. Nur 13% gestalten ihr Leben vollständig und 30% überwiegend nach den Regeln des Islams. 27% befolgen diese nur noch teilweise und etwa 25% richten sich in ihrem Leben weniger oder überhaupt nicht danach. Zu den gläubigen Moslems können vor allem die Angehörigen der ersten Generation gerechnet werden.
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