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Tilidin – Ein Medikament als Droge

Die Situation von Berlin-Neuköllner Jugendlichen mit schädlichem Tilidin-Gebrauch

Britta Greschke
Kategorie: Medizin - Pharmakologie
Diplomarbeit Juli 2007, 109 Seiten, 1,4 MB , Note 1,3, Sprache Deutsch
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg Deutschland
Literatur- und Quellenangaben: ca. 45
Schlagworte: Tilidin, Straßensozialarbeit, Suchtprävention, Betäubungsmittelgesetz, Pharmakologie
Inhaltsangabe und Inhaltsverzeichnis:

Einleitung:

Durch Kontakte zu Berliner Straßensozialarbeitern von Gangway e.V. und mein besonderes Interesse an der Drogenhilfe erweckte eine Problematik meine Neugier, welche sich seit einiger Zeit vor allem im Berliner Bezirk Neukölln zeigt und zunehmend auch an Schulen und Jugendhilfeeinrichtungen bemerkt wird: Jugendliche nicht-deutscher Herkunft pflegen einen schädlichen Gebrauch von Tilidin. In dieser Arbeit gehe ich den Fragen nach: Was ist Tilidin und wie kommt es, dass der Konsum zum Problem wird? Was unternehmen Jugendhilfe, Schule und Drogenberatung? Gibt es adäquate Aufklärung? Wie reagiert die Öffentlichkeit? Welche Problematik ergibt sich bei der Behandlung Tilidinabhängiger Jugendlicher?

Bei meiner Recherche ermittelte ich zunächst im Internet, wie die Medienöffentlichkeit zu dem Phänomen des Missbrauchs von Tilidin Stellung nimmt und erhielt Artikel mit Überschriften wie „Vor seinem Blutrausch schluckte Mike ‚Tilidin‘“, oder „Teufelszeug Tilidin“ zu lesen (vgl. Anhang). Die reißerische Darstellung ließ mich aufmerken, denn hier wird eine Substanz verteufelt, die, sofern zweckgemäß verwendet, medizinisch Hilfe leistet. Eine Sucht verursacht sie nur bei Missbrauch, und für diesen ist jeder Einzelne selbst verantwortlich. Was also verbirgt sich hinter der Suchproblematik in Berlin Neukölln und wie kann adäquat auf die Problematik Medikamentenmissbrauch durch Jugendliche reagiert werden?

Gang der Untersuchung:

In Kapitel 2 informiere ich zunächst ausführlich über Tilidin, seine Pharmakologie und über die Begleitumstände des Konsums. Hilfreich dabei war das Gespräch mit Dr. Benno Rießelmann, Leiter der forensischen Toxikologie am Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin Berlin, dem an dieser Stelle herzlich gedankt sei.

In Kapitel 3.1. ziehe ich die wissenschaftlichen Theorien zur Suchtentstehung heran. Problematisch an der Sache schien mir, dass kein umfassendes Theoriegebäude existiert, welches die Entstehung von Abhängigkeiten mit ihrer diffizilen und differenzierten, individuellen Geschichte umfassend erklären kann. Das dreidimensionale Modell Droge Persönlichkeit Umwelt nach Zinberg fasst die wesentlichen Bereiche eines Bedingungsgefüges zusammen und lässt sich in der Praxis als handhabbares Werkzeug nutzen, ist aber keine Theorie. Schließlich entschied ich mich nicht für die psychoanalytische Theorie, sondern widmete mich der soziologischen Richtung. Der lebensweltorientierte Ansatz eignet sich m.E. am besten, um das Phänomen in Neukölln zu erklären. Die verschiedenen Theorien werden kurz skizziert. Die innerpsychischen Anteile zur Suchtentstehung, welche als Verstärker bestimmter Handlungsmuster fungieren, werden in dieser Arbeit nicht erläutert. Diesen nachzugehen würde den Rahmen der Arbeit sprengen. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass die Entwicklung von Sucht ein multifaktorielles Geschehen ist.

Die Jugendlichen haben Ansprechpartner aus dem Bereich der Straßensozialarbeit bzw. der hinausreichenden Arbeit in Neukölln. Während der Untersuchung gewann ich die Erkenntnis, dass diese Form der sozialen Arbeit in den letzten Jahren und in diesem Problemfeld ein hohes Maß an Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention, Beratung und Begleitung der Jugendlichen übernommen hat. Deshalb skizziere ich im Kapitel 3.2. auch die Arbeitsansätze der beiden Vereine vor dem Hintergrund des Lebensraumes Neukölln.

Im folgenden Kapitel 4 habe ich mittels qualitativem Interview nach der Methode des problemzentrierten Interviews, Jugendliche interviewt, die nach eigenen Aussagen von Tilidin abhängig sind. Dieser Teil der Untersuchung war mit einigen Schwierigkeiten verbunden, welche ich in Kapitel 4.2.2.2. genauer beschrieben habe. Außerdem kommen Experten zu Wort. Um einen möglichst lebendigen Einblick in die Lebenswelt Jugendlicher Konsumenten zu vermitteln, habe ich den theoretischen Teil mit Zitaten meiner Interviewpartner untermauert. Diese sollen außerdem den Theorie-Praxis-Transfer unterstreichen.

Die Auswertung habe ich in Kapitel 5 nach der Methode des zirkulären Dekonstruierens nach E. Jaeggi, A. Faas und K. Mruck vorgenommen. Dabei entwickelten sich in der zweiten Auswertungsphase entsprechende Konstrukte (vgl. Kap. 5.3.).

Im 6. Kapitel gebe ich eine kurze Reflexion der Untersuchung ab, widme mich im 7. Kapitel Gedanken zu einer Suchtprävention im interkulturellen Bereich, bevor ich in Kapitel 8 zu möglichen Perspektiven Stellung nehme.

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung 6
2. Tilidin 8
2.1 Pharmakologie 8
2.1.1 Wirkung 9
2.1.2 Nebenwirkungen und Risiken 10
2.1.3 Entzugssymptomatik bei Tilidin-Entzug 11
2.2 Rechtliche Aspekte 12
2.2.1 Betäubungsmittelgesetz (BtMG) 12
2.2.2 Anerkannte Untersuchungs- und Behandlungsmethoden (AUB) 15
2.3 Kooperation zwischen Gesundheits- und Sozialsystem 16
2.4 Kurze Chronologie des nicht bestimmungsgemässen Gebrauchs 17
2.4.1 Wer betreibt einen schädlichen Gebrauch? 19
2.4.2 Rezeptfälschungen 19
3. Tilidin und pathologische Abhängigkeit 20
3.1 Wissenschaftliche Erklärungsansätze für die Entstehung von Sucht bzw. pathologischer Abhängigkeit 23
3.1.1 Neurobiologie 24
3.1.2 Lern- und Verhaltenstheorie 24
3.1.3 Tiefenpsychologische Ansätze 25
3.1.3.1 Persönlichkeitsorientierter Theorieansatz 26
3.1.4 Soziologie 26
3.1.4.1 Zwiebelschalen - Modell 26
3.1.5 Sozialpsychologie 27
3.1.6 Systemische Suchttheorien 28
3.1.6.1 Systemisch-familientherapeutische Theorieansätze 29
3.1.6.2 Modell der drei Hauptteufelskreise 29
3.1.6.3 Ursachendreieck der Suchtentstehung 30
3.1.7 Lebensweltorientierter Ansatz 31
3.2 Berlin Neukölln als Lebensraum 38
3.2.1 Allgemeine Informationen zu Berlin Neukölln 38
3.2.2 Die Jugendlichen 40
3.2.3 Gangway - Straßensozialarbeit in Berlin 40
3.2.4 Outreach - Hinausreichende Arbeit in Berlin 41
4. Forschungsdesign 42
4.1 Qualitative Sozialforschung 43
4.1.2 Das qualitative Interview 44
4.1.3 Das Problemzentrierte Interview 45
4.1.3.1 Theoretische Grundlagen 45
4.1.3.2 Praktische Herangehensweise 46
4.1.3.3 Begründung der Methodenwahl 47
4.2 Durchführung der Untersuchung 48
4.2.1 Vorbereitung der Interviews 48
4.2.1.1 Vorverständnis 48
4.2.1.2 Der Interviewleitfaden 50
4.2.2 Datenerhebung 50
4.2.2.1 Wahl der Interviewpartner und der Intervieworte 50
4.2.2.2 Schwierigkeiten bei der Datenerhebung 50
5. Auswertung der Interviewdaten 52
5.1 Auswertungsmethoden 52
5.2 Erste Auswertungsphase: Das Einzelinterview 52
5.2.1 Zusammenfassende Nacherzählung 53
5.2.2 Die Stichwortliste 62
5.2.3 Der Themenkatalog 67
5.2.4 Die Paraphrasierung 75
5.2.5 Zentrale Kategorien, interviewspezifisch 80
5.3 Zweite Auswertungsphase: Systematischer Vergleich 82
5.3.1 Synopsis 82
5.3.2 Verdichtung 84
5.3.3 komparative Paraphrasierung 85
5.4 Dritte Auswertungsphase: Idiosynkratisches als Ausdruck des Kollektiven 87
5.5 Vierte Auswertungsphase: Darstellung und Diskussion der Ergebnisse 88
6. Reflexion der Durchführung der Untersuchung 91
7. Gedanken zu Suchtprävention im interkulturellen Bereich 92
8. Schlussbetrachtung 94
Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen 96
Abkürzungsverzeichnis 97
Literaturverzeichnis 98
Anhang 103

Textprobe:

Kapitel 2.3, Kooperation zwischen Gesundheits- und Sozialsystem:

Der „Leitfaden ,Medikamente – schädlicher Gebrauch und Abhängigkeit’“, herausgegeben von der Bundesärztekammer, bietet eine gute Anleitung für den Umgang des Arztes mit der Problematik, denn nicht alle Hausärzte sind Spezialisten im Bereich der Suchtmedizin. Auch Sozialpädagogen finden hier Hinweise zum Umgang mit der Situation. Eine Vernetzung vor Ort und eine gute Hilfestruktur bilden einen guten Ausgangspunkt für konkrete Hilfestellungen im gesundheitlichen und sozialen Bereich der Klienten.

Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (DHS) initiiert eine jährliche Kooperationstagung mit Partnern aus dem Gesundheits- und Sozialsystem.

„Ziel der Kooperationstagung 2006 war es deshalb, die Koordination der Hilfen für Suchtkranke an den Schnittstellen zwischen Suchthilfe und Medizin zu diskutieren und Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln. Die Entwicklung effektiver Kurzinterventionen bei Risikokonsumenten in der ambulanten und stationären Versorgung mit Unterstützung externer Expertensysteme ist eine Möglichkeit der Optimierung. Zudem könnten Beratungsstellen Konsiliardienste in Krankenhäusern durchführen. Voraussetzung für den dauerhaften Erfolg der Kooperationen sind verbindliche Vertragsstrukturen, eine Kurze Chronologie des nicht bestimmungsgemässen Gebrauchs:

Bereits in den 70er Jahren wurde Tilidin, Wirkstoff im Valoron, damals noch ohne den Wirkstoff Naloxon, bei Heroinabhängigen als Ersatzmittel i.V. konsumiert. „Dieses (Tilidin, Anm. d. Verf.) zählt zwar seiner chemischen Struktur nach nicht zu den Verwandten des Morphin, kommt aber in seiner Wirkung [...] einem synthetischen Opiat gleich“.

„Der Hamburger Drogentherapeut Hans-Wilhelm Beil allein konnte bereits Mitte 1976 auf 600 ihm bekannte Fälle von Valoron-Mißbrauch verweisen“. Die Herstellerfirma Goedecke versuchte vergeblich, eine Publikation von Beils Erkenntnissen in der Münchner Medizinischen Wochenschrift zu stoppen, um finanzielle Einbußen zu verhindern.

„Dann konnte der Münchner Toxikologe Max Daunderer bei 21 jugendlichen Fixern eindeutig nachweisen, daß Valoron-Entzug‚ ‚rein klinisch mit dem Heroin-Entzug identisch ist’“.

Seit den 80er Jahren ist jedoch Naloxon in der Mischung enthalten, um den i.V. Konsum zu stoppen. „Einer Meldung des drogen report zufolge soll Valoron allerdings durch Beimischung einer weiteren Substanz (Naloxon, daher die neue Bezeichnung Valoron-N) für die Fixer ‚offenbar völlig unbrauchbar geworden sein‘ (zit. n. Südd. Zeitung vom 24.4.1980)“. In Berliner Drogenberatungsstellen hielt sich deshalb, nach Aussagen der Streetworker in Neukölln, die Meinung, Tilidin mache nicht abhängig, da ja der Wirkstoff Naloxon enthalten sei.

Dr. B. Rießelmann, ist aus den 90er Jahren die sogenannte „Naloxonschleuder“ bekannt. Dazu wurden Geräte mit einer gewissen Zentrifugalkraft genutzt, um das Naloxon vom Tilidin zu trennen. Die Intention der Trennung fester von flüssigen Bestandteilen gelang nur in Ansätzen, sorgte jedoch auch für eine verminderte Wirkung des Tilidins, wie ein nachgestellter Versuch ergab. In den 90er Jahren soll es auch an Berliner Schulen ein Belohnungssystem unter den Schülern gegeben haben. Hier wurden angeblich Hausaufgaben gegen Valoron-Tabletten getauscht.

Der Missbrauch von Tilidin ist zwar zunehmend, aber die Situation sollte keineswegs dramatisiert werden. Von einem weit verbreiteten Phänomen unter jungen Menschen kann man nach Aussagen der Streetworker nicht sprechen. In einigen Regionen in Berlin und Brandenburg nimmt der Missbrauch allerdings zu.

In einigen Jugendgruppen ist Tilidin momentan besonders beliebt, weil es schmerzunempfindlich macht. Tilidin wird aus diesem Grund auch gern vor körperlichen Auseinandersetzungen genommen. In der Folge kommt es oft zu Delikten besonderer Rohheit, Gewalt, Selbstüberschätzung bei der Teilnahme am Straßenverkehr in Form von untereinander ausgetragen Autorennen.

Diese Angabe wird durch den Interviewbeitrag gestützt:

„Ich weiss, das macht schmerzunempfindlich. Da kannsu draufhauen und jemand schlägt dir die Hand ab und du merkst nix!“ (Interview 2).

Wer betreibt einen schädlichen Gebrauch?

Dr. B. Rießelmann hält den Missbrauch von Tilidin für ein regionales Berliner Phänomen. In seiner Tätigkeit als Gutachter bei Gericht wurde er bei Delikten von Gewalt, Rohheit und Prügeleien unter dem Einfluss von Tilidin hinzugezogen, um die Wirkung des Medikamentes auf die Psyche zu beurteilen. In den ihm bekannten Fällen geht es meistens um Jugendliche nicht-deutscher Herkunft aus Berlin. In Fällen von Rezeptfälschungen seien jedoch auch deutsche Jugendliche auffällig geworden.

Im Zeitraum 01.10. – 31.12.2005 initiierten die Straßensozialarbeiter von Gangway e.V. in Kooperation mit der Jugendförderung Neukölln eine Fragebogenaktion unter Jugendlichen in Neukölln, um einen Überblick über die Verbreitung des Konsums zu bekommen. Im Ergebnis ist festzustellen, dass 56% der 63 Befragten bereits von Tilidin gehört und 33% der Befragten jemanden kennen, der Tilidin konsumiert. Weiterhin stellte sich heraus, dass 26% der Befragten schon einmal Tilidin angeboten wurde. Dies geschah hauptsächlich durch Freunde (35%), auf der Straße (31%), in der Schule (8%) oder an anderen Orten (26%). Dagegen kannten nur 23 % der Befragten einen Infoflyer über Tilidin. 84% der Befragten halten Tilidin für eine Droge. In Neukölln seien ca. 180 Fälle aktenkundig (z.B. über die JGH). Weiterhin stellten die Straßensozialarbeiter fest, dass viele der Konsumenten sich in sozial intakten Strukturen wie Familie, Freundeskreis etc. befinden. Allerdings sei der Anteil an Delinquenz unter Tilidin-Usern signifikant hoch. Innerhalb der konsumierenden Cliquen gäbe es eine Tendenz zu devianten Wertemustern (vgl. Schaffranek, 2005).

Rezeptfälschungen: Die Apothekerkammer Berlin warnt in einem Rundschreiben im Januar 2006 vor gefälschten Tilidin-Verordnungen. „Um den dadurch sowohl für die Apotheken als auch für die Krankenkassen entstandenen Schaden zu reduzieren, wird gebeten, Tilidin-Verordnungen auf [...] Auffälligkeiten zu prüfen“.

„Generell sollte seitens der Apotheke eine Rückfrage beim Arzt erfolgen, wenn der Versicherte bzw. der Überbringer des Rezeptes in der Apotheke nicht bekannt ist. Teilweise wird eine solche Rückfrage allerdings nicht möglich sein, da der Arzt, der im Stempel angegeben ist, nicht existiert“.

Link zur Arbeit: http://www.diplom.de/katalog/arbeit/10690
Arbeit zitieren: Britta Greschke Juli 2007, Tilidin – Ein Medikament als Droge, Diplomica GmbH, Hamburg
Bestellmöglichkeiten und Preise:

Bezugspreis eBook (PDF-Datei) per Download: EUR 38,00 inkl MwSt.
Bestellnummer: ISBN 978-3-8366-0690-5
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