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Bilingualismus in der frühen Kindheit
Kirstin Kannwischer
Bachelorarbeit Juni 2006, 62 Seiten, 491,8 KB
, Note 1,3, Sprache Deutsch
Hochschule Vechta Deutschland
Literatur- und Quellenangaben: ca.
18
Schlagworte:
Zweisprachigkeit, Bilingualismus, Sprache, Sprachentwicklung, Code-switching
Inhaltsangabe und Inhaltsverzeichnis:
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Einleitung:
Die Sprache als wesentliches den Menschen auszeichnendes Merkmal ist nicht - wie möglicherweise anzunehmen - dem Menschen von Geburt an mitgegeben, sondern muss sich innerhalb einer Sprachgemeinschaft entwickeln und ist demzufolge bei der Geburt nicht festgelegt. Stattdessen ist der Mensch am Anfang seines Lebens in der Lage, sich jede beliebige Sprache anzueignen und ist bei der Ausbildung seiner sprachlichen Fähigkeiten nicht auf eine einzige Sprache beschränkt. Dies stellt auch Wandruszka fest: „In seinem Gehirn ist Raum für mehrere Sprachen, die er sich nebeneinander einprägt, die er miteinander in Verbindung bringt, in tausendfachen Quer- und Rückverbindungen.“ Doch nicht die biologischen Voraussetzungen bewirken, dass der Mensch mehrere Sprachen erlernt, sondern die Tatsache, dass er aufgrund des Hineinwachsens in oft sehr unterschiedliche Gemeinschaften die Sprachen jener lernt und auf diesem Weg dazu gelangt, mehrere Sprachen zu sprechen. Nach Wandruszka besitzt jeder die Fähigkeit, verschiedene Sprachen sowohl zu verstehen als auch anzuwenden, sich immer neu anzueignen, aber auch wieder zu vergessen. Sprache zu erlangen ist jedoch kein automatischer Prozess, sondern „ein oft mühevolles, immer unvollkommenes Lernen und wieder Vergessen verschiedener Sprachen“ und entgegen der Vorstellungen Chomskys eines idealen Sprechers, der seine Sprache in einer absolut homogenen Gemeinschaft perfekt beherrsche, geht Wandruszka davon aus, dass der Mensch nie eine vollkommene Beherrschung seiner Sprache erlangt, und bestreitet zudem die Existenz einer völlig homogenen sprachlichen Gemeinschaft.
Wandruszkas Ablehnung einer solchen Vorstellung stößt auf große Zustimmung, denn aufgrund der Tatsache, dass es wesentlich mehr Sprachen als Länder gibt, ist davon auszugehen, dass praktisch in jedem Land zwei oder mehrere Sprachen gesprochen werden. Daher stellt nicht Bi- bzw. Multilingualismus eine Ausnahme dar, sondern Monolingualismus.
Mackey betont, dass Bilingualismus ein Phänomen ist, das den größten Teil der Weltbevölkerung betrifft und auch in monolingualen Gemeinschaften vorkommt, denn auch diese sind nicht homogen, da es gewöhnlich regionale, soziale ebenso wie stilistische Varietäten einer Sprache gibt.
Es existiert also keine gemeinsame einheitliche Sprache, was unter anderem auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen zurückzuführen ist, denn auf der ganzen Welt kommen Menschen aus verschiedenen Gründen zusammen, wodurch nicht nur unterschiedliche Wertvorstellungen, Denkweisen, Kulturen und Religionen aufeinander treffen, sondern vor allem auch Sprachen. Durch eine erhöhte Anzahl an Migranten und sprachlichen „Mischehen“ nimmt die Zahl der Menschen, die eine andere Muttersprache als die Sprache des Landes sprechen, zu und so gerät das Thema Bilingualismus mehr und mehr in den Mittelpunkt wissenschaftlichen Interesses. Diese Entwicklungen ebenso wie längere Aufenthalte im Ausland oder Flucht aus dem Ausland stellen Eltern vor die Frage, ob sie ihre Kinder mit zwei Sprachen aufwachsen lassen sollen oder nicht.
Während diesem Thema in der Bundesrepublik Deutschland früher ein geringes Interesse galt, da es kaum sprachliche Minderheiten gab und Deutschland dementsprechend zum größten Teil monolingual war, so hat sich die Sprachenvielfalt durch die gesellschaftlichen Entwicklungen stark verändert, was dazu führte, dass sich das wissenschaftliche Interesse zunehmend auf das Phänomen des Bilingualismus richtete, jedoch die Anzahl größerer empirischer Untersuchungen bis heute noch sehr begrenzt bleibt. Doch nicht nur der Zuwachs ausländischer Migranten regt die Diskussion an, sondern vor allem auch die Kritik am Bildungssystem, das bisher vor allem Veränderungen im schulischen und universitären Bereich vorsah, seit der PISA-Studie jedoch auch den Blick auf den Vorschulbereich richtet. Wissenschaftler sowie Bildungspolitiker wollen die Kinder nun bereits in frühen Jahren mehr fördern und haben dies auch auf der sprachlichen Ebene vor. Diese frühe Förderung von Kindern bereits vor der Einschulung kann in Anbetracht der heutzutage in der Arbeitswelt gestellten Ansprüche nur von Vorteil sein, denn aufgrund der zunehmenden Globalisierung geraten die sprachlichen Fähigkeiten immer stärker in den Mittelpunkt und werden bereits vielfach vorausgesetzt.
Jedoch ist die Spracherwerbs- und Kindersprachenforschung noch nicht sehr lang Gegenstand der Forschung. Nicht Sprachwissenschaftler, sondern Mediziner und Philosophen beschäftigten sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts erstmals mit diesem Bereich. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die kindliche Sprachfähigkeit schließlich aus linguistischer Sicht betrachtet, wobei sich die Forschungen zu diesem Zeitpunkt vor allem auf Selbsterfahrenes oder auf die Beobachtung der eigenen Kinder stützten. Inzwischen gibt es viele Veröffentlichungen zum Spracherwerb bei Kindern, welche sich auf viele verschiedene Aspekte beziehen, wodurch das Forschungsfeld erweitert wurde und die Disziplinen Linguistik, Psychologie, Pädagogik, Neurobiologie, Soziologie sowie Didaktik mit einbezogen wurden.
Gang der Untersuchung:
Den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit zum Thema „Bilingualismus in der frühen Kindheit“ bildet der frühe Zweitspracherwerb bei Kindern vom Zeitpunkt der Geburt bis zum Eintritt in die Schule. Dabei soll die Entwicklung der Zweisprachigkeit im institutionellen Rahmen jedoch nicht vollkommen außer Acht gelassen werden.
Im ersten Kapitel soll der Begriff „Bilingualismus“ diskutiert und versucht, definiert zu werden. Die Begriffe Sprachkompetenz und Sprachgebrauch werden bei der Frage nach einer Definition eine große Rolle spielen und bilden die Basis zweier Ansätze zu diesem Phänomen. Des Weiteren soll dargestellt werden, welche Sprecher als ‚bilingual’ zu bezeichnen sind und es wird der Versuch unternommen, die bilingualen Sprecher zu klassifizieren.
Das darauf folgende Kapitel beschäftigt sich mit der Sprachentwicklung. Es setzt sich mit den Vorgängen im Gehirn sowie mit der Frage, ob sich bei bilingualen Sprechern andere Abläufe im Gehirn abspielen als bei monolingualen Sprechern, auseinander. Weiterhin soll beantwortet werden, ob es so etwas wie ein optimales Alter gibt und in diesem Zusammenhang wird die Theorie der ‚kritischen Periode’ diskutiert.
Das dritte Kapitel wird den größten Teil der Arbeit ausmachen, da es sich umfassend mit dem bilingualen Zweitspracherwerb des Kindes beschäftigt. Dabei soll zuerst der Erstspracherwerb zum Vergleich, aber auch als Grundlage für den Zweitspracherwerb thematisiert werden, bevor der natürliche Bilingualismus im Rahmen der Familie sowie der künstliche Bilingualismus in einer Institution in den Mittelpunkt rücken und jene Faktoren, die sowohl die natürliche als auch die künstliche Form des Zweitspracherwerbs beeinflussen, angeführt werden. Im Anschluss daran wird das Phänomen des Code-switchings, das häufig bei zweisprachigen Erwachsenen sowie Kindern beobachtet wird, dargestellt.
Inhalt des letzten Kapitels soll der frühe Zweitspracherwerb in der öffentlichen Diskussion sein, wobei zuerst die weit verbreiteten positiven sowie negativen Urteile und Vorurteile aufgezeigt werden und im Anschluss daran die Weiterentwicklung des bilingualen Kindes hinsichtlich der Schulzeit und des Erwachsenenalters im Mittelpunkt steht.
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Inhaltsverzeichnis:
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Einleitung |
1 |
| 1. |
Grundlegende Informationen zum Bilingualismus |
4 |
| 1.1 |
Definition der Zweisprachigkeit |
4 |
| 1.1.1 |
Der psycholinguistische Ansatz |
6 |
| 1.1.2 |
Der soziolinguistische Ansatz |
8 |
| 1.2 |
Klassifizierung bilingualer Sprecher |
11 |
| 1.2.1 |
Kompositioneller und koordinierter Bilingualismus |
12 |
| 1.2.2 |
Früher und später Bilingualismus |
14 |
| 2. |
Die bilinguale Sprachentwicklung und deren Voraussetzungen |
16 |
| 2.1 |
Die Sprachentwicklung beim bilingualen Kind |
16 |
| 2.2 |
Sprachfunktionen im Gehirn |
18 |
| 2.3 |
Das optimale Alter |
20 |
| 2.3.1 |
Die ‚kritische Periode' |
21 |
| 3. |
Der Zweitspracherwerb in der frühen Kindheit |
24 |
| 3.1 |
Der Erstspracherwerb |
24 |
| 3.2 |
Natürlicher Bilingualismus |
26 |
| 3.2.1 |
Die Methode ‚eine Person -eine Sprache' |
26 |
| 3.2.2 |
Die Methode ‚eine Sprache - eine Umgebung' |
32 |
| 3.3 |
Künstlicher Bilingualismus |
35 |
| 3.4 |
Wichtige Grundprinzipien und andere den Spracherwerb beeinflussende Faktoren |
39 |
| 3.5 |
Code-switching als bilinguale Erscheinung |
42 |
| 4. |
Bilingualismus in der öffentlichen Auseinandersetzung |
47 |
| 4.1 |
Positive und negative (Vor-)Urteile |
47 |
| 4.1.1 |
Störungen in der Sprache |
50 |
| 4.2 |
Die weitere Entwicklung des bilingualen Kindes |
52 |
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Schluss |
54 |
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Anhang |
57 |
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Literaturverzeichnis |
60 |
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Textprobe:
Kapitel 2.3, Das optimale Alter:
Bei der Diskussion um den Erwerb einer zweiten Sprache steht immer wieder die Frage nach dem ‚optimalen Alter’ im Mittelpunkt. Wie zuvor gesehen wurde, benötigen Kinder, die beide Sprachen in der frühen Kindheit erworben haben, lediglich einen Speicher für beide Sprachen, während beim Zweitspracherwerb im Erwachsenenalter ein weiterer Speicher für die zweite Sprache geschaffen werden muss, wodurch den Erwachsenen das Erlernen einer weiteren Sprache häufig schwerer zu fallen scheint. Doch ist dies tatsächlich so? Und gibt es so etwas wie ein ideales Alter für das Erlernen einer zweiten Sprache? Die Beantwortung dieser Fragen und damit zusammenhängende Vorstellungen sollen in diesem Teil behandelt werden.
Unter Linguisten, Fremdsprachendidaktikern, Entwicklungspsychologen und Neurobiologen gilt die These, dass Kinder im Vorschulalter günstigere Voraussetzungen für den Zweitspracherwerb besitzen, als erwiesen. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass Kinder in diesem Alter die Sprache unbewusst erlernen und daher mit einer unbefangenen und aufgeschlossenen Art die neue Sprache nachahmen und so lernen. Die Kinder erfahren das Erlernen einer weiteren Sprache nicht als etwas Zwingendes und nehmen die zweite Sprache noch nicht als Fremdsprache wahr. Daher kommen sie der neuen Sprache auch mit hoher Motivation und ohne Hemmungen entgegen. In frühem Alter erwerben Kinder eine Sprache daher unbewusst, was zum Vorteil hat, dass die Kinder die zweite Sprache in den meisten Fällen besser beherrschen als Personen, die die Zweitsprache erst im Erwachsenenalter erworben haben. Frühe Bilinguale erreichen in einigen Sprachbereichen überlegene Fähigkeiten, was sich insbesondere beim Hörverstehen und bei der Aussprache bemerkbar macht. Ein weiterer Vorteil, den der Zweitspracherwerb in der frühen Kindheit mit sich bringt, ist die Tatsache, dass Kinder durch den frühen Kontakt mit fremden Kulturen und Sprachen Offenheit und Toleranz lernen. Aus diesem Grund wird insbesondere aus pädagogischer Sicht empfohlen, Kinder bereits früh in ihrer Einstellungen anderen Kulturen gegenüber positiv zu beeinflussen, denn bereits mit acht Jahren ist das Bewusstsein der Kinder, dass es unterschiedliche ethnische Gruppen gibt, vorhanden und ab zwölf Jahren gibt es in ihrer Vorstellung eine trennende Wirkung in Bezug auf andere Kulturen. Ein weiterer Vorzug für den frühen Beginn des Zweitspracherwerbs sieht Titone darin, dass die Nachahmung bei Kindern eine große Rolle spielt und sie dadurch die zweite Sprache erlernen können. Titone legt das optimale Alter für den Beginn früher Zweisprachigkeit zwischen vier und fünf Jahren fest, da „at this age the imitative capacities of the child are at their highest development and receptivity to socialisation via verbal communication is at the greatest.“ Doch auch wenn Titone das ideale Alter festgelegt hat, so ist dies keineswegs ein Beweis dafür, dass es jenes tatsächlich gibt. Einig sind sich die meisten Wissenschaftler lediglich darüber, dass der frühe Zweitspracherwerb aufgrund von unbewussten und ungezwungenen Prozessen leichter zu erlangen ist. Es ist jedoch nicht gesagt, dass eine Person, die die zweite Sprache erst im Erwachsenenalter erlernt hat, nicht ähnliche oder sogar gleiche sprachliche Kompetenzen in der Zweitsprache erreichen kann. Darum geht es unter anderem auch in der Hypothese von der ‚kritischen Periode’.
Die ‚kritische Periode’:
Die Idee einer ‚kritischen Periode’ stammt ursprünglich von Penfield & Roberts, rückte aber erst durch Lennebergs umstrittene Theorie in den Mittelpunkt der Diskussion. Sie besagt, dass in einer bestimmten Zeitspanne, die ungefähr vom zweiten Lebensjahr bis in die Pubertät reicht, die sprachliche Entwicklung aktiviert werden muss, um einen normalen Verlauf nehmen zu können. In dieser Periode erfolge der Spracherwerb mit sehr geringer Anstrengung, da das kindliche Gehirn noch sehr flexibel sei, diese Eigenschaft jedoch zunehmend verliere. Während der kritischen Periode verfüge das Gehirn über eine gewisse Plastizität, durch die das Kind den Zugang zu einer besonderen Form des Spracherwerbs, nämlich der des Erstspracherwerbs, erhalte. Wenn das Kind bilingual aufwächst, erlernt es demzufolge innerhalb dieser Phase beide Sprachen wie zwei Erstsprachen. Nach dieser Zeitspanne sei das Gehirn nicht mehr länger in der Lage, Sprachen auf diesem Weg zu erlernen, da das Gehirn an Plastizität verliere und die linke Hemisphäre sich auf die Sprachfunktionen spezialisiert habe. Das bedeutet nun nicht, dass nach dieser kritischen Periode keine weiteren Sprachen mehr gelernt werden könnten, jedoch werden diese qualitativ anders sein als der Spracherwerb in der Kindheit und die Sprachen danach werden auf andere, weniger leichte Weise erworben. Erstspracherwerb und Zweitspracherwerb, welcher sich nach der Pubertät vollzieht, werden somit als unterschiedliche Prozesse angesehen.
Lenneberg schließt zwar nicht aus, dass nach der kritischen Periode Fremdsprachen gelernt werden könnten, aber der Erwerb von muttersprachlicher Kompetenz – insbesondere im Bereich der Aussprache – sei kaum zu erreichen. Zudem sei der Prozess des Spracherwerbs nach der Pubertät schwieriger. Während muttersprachliche Kompetenzen in Grammatik, Vokabular und Semantik noch als durchaus erreichbar erscheinen, wird im Bereich der Aussprache bezweifelt, dass eine Person, die die Zweitsprache erst nach der kritischen Periode erworben hat, ohne Akzent sprechen könnte. Aus diesem Grund sieht Scovel eine kritische Periode für die Aussprache, aber keineswegs für andere Aspekte des Zweitspracherwerbs.
Der neueren Forschung zufolge scheint es Erwachsenen zwar schwieriger zu fallen, die Phonologie einer anderen Sprache zu erlernen, jedoch nicht unmöglich. Es ist zwar ungewöhnlich nach der Pubertät muttersprachliche Kompetenz in allen Bereichen der Zweitsprache zu erreichen, aber es besteht durchaus die Möglichkeit, zu einer perfekten Zweitsprachbeherrschung zu gelangen. Ein Zweitsprachler kann zwar zu muttersprachlicher Kompetenz kommen, aber „braucht für die gleiche Leistung deutlich mehr Ressourcen.“ Zudem entstand durch Versuche hinsichtlich der Grammatik die Vermutung, dass die grammatischen Verarbeitungsprozesse bei Zweitsprachlern nicht automatisch verlaufen, was eine Begründung dafür ist, dass das Lernen fremder Sprachen schwieriger wird.
Auch auf dem Gebiet der Phonologie haben Untersuchungen von Neufeld ergeben, dass gut motivierte und/oder talentierte Erwachsene fremde Sprachen so perfekt lernen können, dass sie nicht mehr am Akzent von Muttersprachlern zu unterscheiden sind. Demnach trifft es also zu, dass der Zweitspracherwerb nach der Pubertät nicht so leicht ist wie jener in der Kindheit, aber entgegen der Vorstellung einer kritischen Periode ist es durchaus möglich, nach der Pubertät zu einer perfekten Sprachbeherrschung zu gelangen. Biologisch gesehen ist die Fähigkeit, akzentfrei zu sprechen, durchaus gegeben, wird jedoch selten genutzt, was auch Baetens Beardsmore aufzeigt: „Although it does seem true that the speaker who has begun learning a second language in adolescence often has greater difficulty in producing accent-free speech in that language, the ability to do so is not unknown and where this is not achieved it may be accounted for less by biologically determined factors than by the lack of desire to perfect the accent (and other linguistic features) beyond a self-evaluated level of adequate proficiency. Apparently the early bilingual can produce in two languages more easily without trace of interference from either but this need not necessarily be the case.” Es wird deutlich, dass die Hypothese von der kritischen Periode nicht unbedingt aufrechterhalten bleiben muss, da mittlerweile bewiesen ist, dass auch nach der Pubertät perfekte Zweitsprachbeherrschung möglich ist, dieser Prozess jedoch mit mehr Mühe verbunden ist. Daher sieht Baker in Hinsicht auf den Fremdsprachenerwerb keine kritische Periode, sondern stellt stattdessen die frühe Kindheit und Schulzeit als „vorteilhafte Phase“ heraus. Erfolgreiche erwachsene Lerner liefern den Beweis dafür, dass Fremdsprachen auch nach der Pubertät problemlos erworben werden können. Kinder lernen eine Zweitsprache nicht leichter, sondern anders als Erwachsene, „denn mit zunehmendem Alter und fortschreitender kognitiver Entwicklung wandeln sich Lern- und Kommunikationsstrategien, Interessen, Motive und Anpassungsbereitschaft.“ Entscheidend bei dem Zweitspracherwerb ist demnach nicht unbedingt das Alter, sondern neben den Umständen des Erwerbs einer zweiten Sprache auch Einstellungen und Lernmotivation. Der scheinbar schwierig werdende Zweitspracherwerb bezieht sich demnach nicht auf die Pubertät aufgrund des Alters, sondern aufgrund der Tatsache, dass in dieser Zeitspanne die Motivation und die Anpassungsfähigkeit nachlässt, während Kinder einer neuen Sprache offen und motiviert begegnen. Weder die Hypothese von einer kritischen Periode noch die Vorstellung eines optimalen biologisch festlegbaren Alters kann somit bestehen bleiben. Dennoch wird ein möglichst früher Beginn für das Erlernen einer zweiten Sprache befürwortet, nicht nur weil das Vorschulalter die wichtigste Alterspanne zur intellektuellen und sozial-emotionalen Förderung darstellt, sondern auch weil dadurch dem Kind mehr Zeit geboten wird und die Sprache so besser ausgebildet werden kann. Es gilt also: „Je früher, desto besser“.
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Link zur Arbeit:
http://www.diplom.de/katalog/arbeit/11095
Arbeit zitieren:
Kirstin Kannwischer Juni 2006, Bilingualismus in der frühen Kindheit, Diplomica GmbH, Hamburg
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